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Phänomene im Club: Der Tanzbär


Lesezeit: 10 Minuten

Nach einer kleinen Pause gibt es nun einen weiteren Teil der “Phänomene im Club” Serie. Ursprünglich wollte ich selber über das Phänomen “Creepy Old Man in the Club” schreiben (so nenne ich es), aber Axel von Happy Hour Nürnberg kam mir zuvor. Ein brillianter Artikel! Das Phänomen ist fast das gleiche, Axel hat einen schönen deutschen Namen dafür: Der Tanzbär.

Viel Spaß beim Lesen:

Neulich am Samstag Abend: „Ey, Bock auf Rockfabrik?“ – „Jup!“. Die Rockfabrik ist in Nürnberg eine Institution; dieses Juwel der Rockdiskotheken hat schon viele andere Tanzschuppen in Nürnberg kommen und wieder gehen sehen (man muss es so drastisch ausdrücken.). Heavy Metal und Headbangen ist angesagt! Iron Maiden, Metallica, Volbeat, Disturbed, yeah!

Und obwohl ich headbangend auf der Tanzfläche stand und hemmungslos Luftgitarre gespielt habe: eine Spezies ist mir bei Diskotheken, in die auch „Ü-50“ eingelassen wird, an diesem Samstag wieder ganz deutlich aufgefallen: der Tanzbär.

Bei dieser ganz besonderen Gattung des Mannes handelt es sich um einen Einzelgänger. Nie käme der Tanzbär auf die Idee, mit jemandem zusammen in die Disko zu gehen. Oberflächlich und etwas makaber betrachtet, könnte man argumentieren, dass der Tanzbär einfach keine gleichaltrigen oder gleichgesonnenen Weggefährten (mehr) hat. Dies trifft aber in den seltensten Fällen zu. Meiner Meinung nach schämt sich der Tanzbär eher dafür, dass er nicht mehr der Jüngste ist und möchte sich für einen Abend pro Woche noch einmal wie Mitte zwanzig fühlen. Das sieht dann wie folgt aus:

1. Der Tanzbär betritt die Disko; den Türsteher, die Garderobenfrau und die Bedienungen begrüßt er mit Handschlag. „Man kennt sich ja.”

2. Der Tanzbär checkt – von einem sicheren Plätzchen aus – die Lage. Meist wird dazu die Bar missbraucht, die am nahesten an der Toilette liegt. So schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe, ist doch klar.

3. Dass an einer Bar nicht nur geguckt wird, dürfte jedem, der mal eine Disko betreten hat, einleuchten. Der Tanzbär trinkt sich meist mit Bier stumpf. Vorsicht: es gibt auch Ausnahmen, die die folgenden Schritte auch OHNE Alkoholpegel absolvieren.

4. Je weiter die Stunde voranschreitet, desto hemmungsloser wird unser Tanzbär. Sei es durch Alkoholeinfluss, die erhöhte Mädchendichte auf der Tanzfläche, die bessere Musik oder jede erdenkliche Kombination dieser drei Faktoren: der Tanzbär beginnt, sich Richtung Dancefloor zu bewegen.

5. Im Gegensatz zu den jüngeren Party People, die trotz zahlreicher Happy Hour Cocktails, Bier oder sonstigen Alkoholika immer noch am Rand der Tanzfläche stehen, stürmt der Tanzbär sofort in die Mitte des Geschehens.

6. Und jetzt passiert, was passieren musste: der Tanzbär beginnt zu tanzen! Stilistisch zwischen Altrocker und Kühlschrank, optisch zwischen Udo Dirkschneider und Hawaiiurlauber, tritt der Tanzbär im Takt von einem Bein auf das andere. Bei den Armen kann sich unser Held meistens nicht zwischen Luftgitarre und Luft-Schlagzeug entscheiden, so dass oft ein sehr spektakulärer Mix aus diesen zwei Instrumenten herauskommt. Nicht sehr weit verbreitet sind hingegen Luft-Keyboard und -bass.

7. Hat der Tanzbär nichts getrunken, bleibt er nun eisern und nicht selten für den Rest des Abends auf der Tanzfläche, selbst wenn zum „Abkühlen“ mal Tokio Hotel oder Jeanette Biedermann aufgelegt wird.

Hat der Tanzbär etwas getrunken, bleibt er auch eisern und nicht selten für den Rest des Abends auf der Tanzfläche. Der einzige Unterschied ist, dass er mit der Zeit beginnt, die kleinen Partymädchen anzutanzen, die auf Tokio Hotel und Jeanette Biedermann stehen. Beliebte Opfer sind betrunkene Teens, die sich nach Meinung des Tanzbärs nicht mehr zur Wehr setzen können. Manchmal, aber nur manchmal tanzt unser Senior auch Mittdreißigerinnen, oder im Notfall auch Mittvierzigerinnen an, um nach einer Weile aber festzustellen, dass die der Ehefrau zu Hause schon viel zu sehr ähneln. Der Tanzbär will ja genau das Gegenteil: für einen Abend aus dem „Schema“ ausbrechen, wieder jung und attraktiv sein.

8. Nachdem alle Versuche, mit einem Mädel anzubandeln, gescheitert sind, gesellt sich der Tanzbär zu den Jungs, die mittlerweile doch den Weg in die Mitte der Tanzfläche gefunden haben und wild headbangen. Hier fühlt sich der Papa wohl und packt die monstermäßige, gigantische Luftgitarre aus. Bewundernd (oder belustigt?) lächelt ihm das Jungvolk zu und akzeptiert den Halbgreis im Halbkreis, der sich in solchen Diskos gerne bildet.

9. Müde und glücklich kehrt der Tanzbär an seinen Platz zurück. Da er fast immer sehr stark schwitzt, müssen noch ein paar Bierchen gepresst werden. Dann ist aber auch Schicht im Schacht. Mit dem Taxi geht’s nach Hause. Was die Ehefrau dann noch mit unserem Tanzbären zu besprechen hat, vermag ich nicht zu sagen.

Das Foto stellt den typischen Tanzbären dar: ungelenk, ein bisschen peinlich, aber doch irgendwie liebenswert. Hiermit möchte ich eine Lanze für den Lanz Tanzbären brechen. Ganz ehrlich: würde sich einer von Euch noch mit 50 in eine Disse trauen? Länger feiern und mehr trinken als diejenigen, die locker seine erwachsenen Kinder sein könnten? Ich glaube nicht.
Also, wenn Ihr einen Tanzbären seht: geht ruhig auf ihn zu, trinkt mit ihm, feiert, aber lasst Euch ja nicht zuquatschen! Betrunkene ältere Männer haben die Angewohnheit, gerne lang und breit von sich und der Welt zu erzählen. Hier ist systematischer Rückzug angesagt.

Übrigens gibt es auch Tanzbärinnen. Nicht viele, aber es gibt sie. Tanzbärinnen haben oft schicke, etwas tiefer dekolletierte Oberteile an, dazu entweder hautenge Hosen oder gleich Röcke. Schminke, Lippenstift und aufdringliches Parfüm versteht sich von selbst. Sie sind auch daran zu erkennen, dass sie beim Tanzen sehr viel Platz benötigen und oft die Hände in den Himmel recken. Muss so ´ne Art Ballerinatick von früher sein…

Auch hier kann man davon ausgehen, dass sie wieder einmal auf den Putz hauen wollen und ihren Marktwert bei Tanzbären testen wollen. Wie wir seit Punkt 7 (s.o.) wissen, geht dieses Unterfangen aber in 90% der Fälle in die Hose bzw. den Rock. Tanzbärinnen brauchen statt Bier eher Cocktails und können unter Umständen auch im Rudel auftreten. :)

In diesem Sinne: rock on!

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